Hambacher Forst (2016)
Lage des noch erhaltenen Teils „Hambacher Forst“ zwischen Braunkohle-Abbruchkante und A4/RWE-Hambachbahn im Bereich Morschenich (alt) und Manheim (alt)
Satellitenaufnahme (Falschfarbendarstellung) des erhaltenen Teils des Hambacher Forsts (südl.) und des Tagebaus Hambach (Stand: 2013), dessen Grube derzeit etwa 7 Kilometer lang und 7 Kilometer breit ist.

Der Hambacher Forst, auch Bürgewald oder Die Bürge (von den Besetzern auch Hambi genannt) ist ein Wald in Nordrhein-Westfalen, von dem nur noch ein kleiner Teil erhalten ist. Vor der Abgrabung im Zuge des Braunkohletagebaus Hambach erstreckte sich der Forst zwischen Elsdorf und Niederzier, je zur Hälfte im Kreis Düren und im Rhein-Erft-Kreis, auf mehr als 4000 Hektar[1]. Die Bürge trennt die Jülich-Zülpicher Börde in die Jülicher Börde im Norden und die Zülpicher Börde im Süden, naturräumlich wird sie als Untereinheit (554.0) der Haupteinheit Jülicher Börde (554) zugerechnet.

Der noch erhaltene Teil des Waldes liegt unmittelbar an der A4 und der Hambachbahn sowie im Einzugsbereich der sich in Umsiedlung befindenden Ortschaften Morschenich (alt) und Manheim (alt), nördlich von Morschenich-Neu, bzw. nordwestlich von Manheim-neu. Zuständig als Untere Forstbehörde ist das Forstamt Eschweiler. Die Gegend ist seit etwa 12.000 Jahren, also seit der letzten Eiszeit, bewaldet.[2] Die ältesten Bäume sind ca. 350 Jahre alt.[3]

Nachdem die für den Bergbau in NRW zuständige Bezirksregierung Arnsberg den Hauptbetriebsplan 2018 bis 2020 genehmigt hatte und eine Verbandsklage vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) abgewiesen wurde, will die RWE AG weitere Teile des Hambacher Forsts roden. Aus Gründen des Brutschutzes nach dem Bundesnaturschutzgesetz ist dies zwischen dem 1. Oktober und Ende Februar möglich. Laut Gericht hat RWE erklärt, damit 2018 längstens bis zum 14. Oktober zu warten.[4][5] Der BUND hat jedoch bereits am 20. April 2018 erneut Klage gegen den genehmigten Hauptbetriebsplan erhoben und sieht in dem Hambacher Wald die Kriterien eines europäischen Naturschutzgebietes gegeben.[6]

Nach aktuellen Plänen des Energiekonzerns RWE sollen die verbliebenen 200 ha Wald bis auf weniger als 100 ha abgeholzt werden. Erhebliche Auseinandersetzungen mit Baumbesetzern waren zu erwarten.[7] Der Hambacher Forst gilt inzwischen als Symbol des Widerstands der Anti-Kohlekraft-Bewegung gegen die Umweltzerstörung durch die Kohleindustrie.[8] Die Landesregierung entschloss sich im September 2018 dazu, die seit 2013[9] im Wald existierenden Baumhäuser wegen mangelnden Brandschutzes zu räumen, und begründete den Schritt als notwendig, um die Sicherheit der Besetzer zu gewährleisten. Einen Zusammenhang mit den ab Oktober geplanten Rodungen wies die Landesregierung zurück.

Etymologie

Hambacher Forst

Der Tagebau Hambach vom Aussichtspunkt bei Elsdorf-Angelsdorf gesehen

Die Bezeichnung „Hambacher Forst“ stammt vom Ort Hambach und wurde ursprünglich nur für das unmittelbar an den Ort angrenzende Teilstück des Waldgebietes verwendet.[10] Dieses war das erste Stück des Waldes, das im Zuge des Aufschlusses des Tagebaus Hambach gerodet wurde. Der Gesamtwald wurde immer Bürgewald bzw. Die Bürge genannt, was an zahlreichen Karten zu erkennen ist.[11] Der Grund für die spätere Nutzung der Bezeichnung „Hambacher Forst“ für den Gesamtwald ist nicht bekannt. Seit 1972 gehört Hambach zur Gemeinde Niederzier im nordrhein-westfälischen Kreis Düren.

Bürgewald oder Bürge

Es finden sich unterschiedliche Herleitungen zu den ursprünglichen Bezeichnungen „Bürgewald“ oder „die Bürge“, mit denen damals der gesamte Wald bezeichnet wurde.

  • Sieper leitet den Namen von dem altsächsischen Begriff borgian, was so viel wie behüten bedeutet, und dem mittelniederdeutschen Wort borghen ab, was beschirmen bedeutet. Beide Begriffe deuten darauf hin, dass der Bürgewald ein Volksschutzgebiet für die im Umkreis wohnende Bevölkerung war.[12]
  • Schläger argumentiert, dass es ursprünglich einen einheitlichen Reichswald gab, den von der Burg in Düren verwalteten Burgwald, dessen Nutzung im Laufe der Zeit verteilt wurde, wobei schließlich alle umliegenden Gemeinden beteiligt wurden.[13]
  • Wirtz leitet den Begriff vom keltischen brogilo ab, der Bezeichnung für einen umzäunten Bezirk.

    Beim Hambacher Forst handelt es sich um einen Wald mit hoher ökologischer Wertigkeit, die sich aus Relikten von wärmeliebenden Arten ergibt, die in den Altwäldern vorkommen.[15] In den noch verbliebenen Resten des Forstes wachsen Hainbuchen und Stieleichen. Zudem beherbergt der Wald zwei Kolonien der vom Aussterben bedrohten Bechsteinfledermaus, die durch Anlage von speziellen Weideflächen außerhalb des Forstes perspektivisch in andere Wälder im Umkreis des Tagebaus gelockt werden sollen.[16] Die ältesten Bäume im Forst sind 350 Jahre alt.[2]

    Nach Angaben des Umweltverbandes BUND siedelten 2012 im bis 2030 von der Abbaggerung betroffenen Waldgebiet, das aus 226 Hektar „wertvollster Waldflächen“ bestehe, zwölf streng geschützte Fledermausarten. Insgesamt seien 142 geschützte Arten vorhanden.[17]

    Geschichte

    Römisches Collier aus Bernstein (3. Jh.), archäologischer Fund im Hambacher Forst

    Die Bördenlandschaft war in vor- und frühgeschichtlicher Zeit meist dicht besiedelt. Im Vorfeld des Braunkohletagebaus finden Prospektionen und Ausgrabungen statt. Allerdings kann nur ein geringer Teil der Fundstellen tatsächlich erforscht werden.

    Unter Leitung des Frankfurter prähistorischen Archäologen Jens Lüning fanden in der Bürge experimentalarchäologische Versuche zur jungsteinzeitlichen Landwirtschaft statt.[18]

    Der heilige Arnold von Arnoldsweiler hat der Legende nach den Bürgewald im 8. Jahrhundert umritten und ihn sich von Kaiser Karl dem Großen aufgrund einer Wette schenken lassen. Anschließend schenkte er den Wald den umliegenden Gemeinden, aufgrund der dort herrschenden großen Armut.

    Erstmals erwähnt wurde der Wald in einer Urkunde vom 25. Juli 973 als burgina. In dieser Urkunde bestätigt Kaiser Otto II. auf Anstehen des Kölner Erzbischofs Gero von Köln den der Kölner Kirche von König Ludwig geschenkten Wildbann. Ob mit König Ludwig Ludwig der Fromme (er hat von 778 bis 840 gelebt) gemeint ist, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden.[19]

    Seit dem 16. Jahrhundert sind Buschordnungen überliefert, die eine nachhaltige Bewirtschaftung des Waldes regeln und zum Teil drastische Strafen bei Holzfrevel und Diebstahl festlegen. Im Jahr 1562 wurde der Bürgewald in vier Quartiere aufgeteilt.[20] Das Arnoldsweiler Quartier umfasste 2382 Morgen, das Elsdorfer Quartier 2382 Morgen, das Manheimer Quartier 1475 Morgen und das Steinstraßer Quartier 1927 Morgen. Insgesamt war der Bürgewald zu dieser Zeit 7975 Morgen und vier Ruten groß. In den umliegenden Gemeinden versammelten sich zu festen Terminen die genossenschaftlich organisierten Nutzer und hielten Holzgedinge ab. 1775 wurden die vier Quartiere nochmals unterteilt und auf die anliegenden Gemeinden verteilt. Somit war jede Gemeinde für ihr Waldstück selbst verantwortlich. Das Arnoldsweiler Quartier wurde in diesem Jahr in die Arnoldsweiler-, Ellener, Merzenicher, Oberzierer und Niederzierer Bürge unterteilt. Ähnliches geschah auch mit den restlichen drei Quartieren. Diese Waldteile waren den einzelnen genannten Gemeinden zugeteilt.[21][22]

    Zum Ende des Zweiten Weltkrieges rückte, im Rahmen der Operation Grenade der 9. US-Armee am 23. Februar 1945, ein Regiment durch den Bürgewald Richtung Erft vor.[23]

    Vor Aufschluss des Tagebaus Hambach 1978 gingen die Anteile am Bürgewald von den umliegenden Gemeinden in den Besitz der Rheinbraun AG über. Im Jahr 2003 wurde die Rheinbraun AG mit der damaligen Muttergesellschaft RWE AG fusioniert und der Wald ging in ihren Besitz über. Der Hambacher Forst wird seit 1978 durch die Rheinbraun AG bzw. die RWE AG mit Fortschreiten des Tagebaus Stück für Stück gerodet.[24]

    Proteste gegen die Rodung

    Im Jahr 1977 gründete sich die Hambach-Gruppe, welche sich gegen die Umsiedlungs- und Abrisspläne einiger Dörfer wandte.[25] Gegen den fortschreitenden Abbau wenden sich inzwischen verschiedene lokale Interessengruppen, Umweltverbände, kirchliche Gruppen und Aktivisten. Seit dem Jahr 2014 organisiert der Waldpädagoge Michael Zobel Führungen durch den Hambacher Forst.[26]

    2004–2009

    2004 protestierten Aktivisten von Greenpeace erstmalig mit aufsehenerregenden Aktionen gegen das weitere Abbaggern des Waldes. 2009 erhob der BUND erstmals Klage gegen RWE.[27]

    2012

    Barrikade der Umweltaktivisten

    Von Mitte April bis Mitte November 2012 hielten rund 50 Umweltaktivisten der Anti-Kohlekraft-Bewegung einen kleineren Teil des Walds besetzt, um so gegen die Abholzung und für einen Kohleausstieg zu protestieren.[28] Das Camp, welches sich autark versorgte, fand auch überregional Aufmerksamkeit, so z. B. durch die Berichterstattung des WDR.[29] Am 13. November 2012 wurde mit der Räumung des Camps begonnen.[30] Ein einzelner Abholzgegner harrte vier Tage lang in einem selbst angelegten Tunnel sechs Meter unter der Erde aus. Am 16. November 2012 wurde er von der Polizei und Spezialkräften ausgegraben.[31]

    Durch die Staatsanwaltschaft wurde festgestellt, dass die Waldbesetzer im Jahre 2012 keinerlei Straftaten begingen. Alle 27 Verfahren gegen die Besetzer wurden eingestellt. Dennoch werden die Protestler in einer Nachbarschaftsbroschüre des RWE-Konzerns vom August 2013 als Steine werfende Krawallmacher dargestellt.[32][33][34][35]

    2013

    Im Protestcamp (2013)

    Ab 1. September 2013 wurde der Wald erneut besetzt. Die Besetzung wurde am 27. März 2014 mit großem Polizeiaufgebot geräumt.[36] Nur vier Wochen später wurde der Wald an gleich drei Stellen wiederbesetzt.[37]

    2014

    Im Oktober 2014 wurde das Lager erneut geräumt. 14 Aktivisten wurden festgenommen, die sechs RWE-Mitarbeiter mit Pfefferspray, Blendgranaten, Feuerwerkskörpern und Knüppeln angegriffen haben sollen. Dabei fanden Polizisten in der Nähe der Barrikaden zwei intakte Handgranaten aus dem Zweiten Weltkrieg und eine weitere im sogenannten „Klimacamp“. Ein Kriminalbeamter vermutete, die Waffen hätten womöglich als Sprengfallen dienen sollen. Ein Sprecher der Aktivisten wies die Vorwürfe zurück; die Gewalt sei von den RWE-Mitarbeitern ausgegangen und die Granaten seien Kriegsrelikte, die in dem damals umkämpften Gebiet vielfach zu finden seien.[38]

    2016

    Rodungsarbeiten im Hambacher Forst 2015, LSG-Schild im Vordergrund

    Seit 2016 finden neben der andauernden Besetzung auf Baumhäusern und Zelten immer wieder[39][40][41][42] teils gewalttätige Aktionen von einem Teil der Waldbesetzer statt, bei denen mit brennenden Barrikaden, Steinwürfen auf RWE-Mitarbeiter und Polizisten und weiteren Sachbeschädigungen massiv gegen die Rodung des Waldes vorgegangen wird. Mit brennenden Barrikaden und Krähenfüßen versuchte man teilweise, die Arbeiten zu behindern.[43]

    Im Sommer 2016 beschloss die rot-grüne Landesregierung die sogenannte „Leitentscheidung zur Zukunft des Rheinischen Braunkohlereviers / Garzweiler II“, in der steht, dass die Abbaugrenzen des Tagebaus Hambach unverändert bleibt.[44][45]

    Nach einem Urteil des Oberverwaltungsgerichts für das Land Nordrhein-Westfalen (OVG Münster) vom Dezember 2016 ist ein „Wiesencamp“ außerhalb des Hambacher Forsts auf einem Privatgrundstück illegal.[46]

    2017

    Im November 2017 scheiterte der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) mit einer Klage vor dem Verwaltungsgericht Köln gegen die Genehmigungen für den Tagebau Hambach. Der BUND hatte Bereitschaft signalisiert einem Vergleich zuzustimmen. Die Kammer hatte vorgeschlagen, die Abbaugrenzen zu verschieben, um den Hambacher Wald zu verschonen. Der Vorschlag sollte vor dem Hintergrund eines abzusehenden Kohleausstiegs der Befriedung des Konflikts dienen. Die RWE AG und das beklagte Land lehnten den Kompromissvorschlag des Gerichts ab. Der BUND erhob direkt anschließend Berufung vor dem zuständigen OVG Münster.[47]

    2018

    Hintergründe

    Im Juni 2018 wurde vom Kabinett Merkel IV die sogenannte Kohlekommission eingerichtet. Laut Bundesregierung soll die Kommission bis Dezember 2018 einen konkreten Plan für die Zukunft der Kohleverstromung und -förderung in Deutschland erarbeiten. Im Vorfeld der Kommissions-Sitzung am 23. August forderten vom Tagebau betroffene Bewohner, Umweltverbände und Bürgerinitiativen in einem gemeinsamen Appell einen vorläufigen Rodungsstopp, bis im Dezember 2018 der Plan der Kohlekommission zum Kohleausstieg vorliegt.[48] Ursprünglich hatte die Bundesregierung sich als Ziel gesetzt, die CO2-Emissionen bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken. Dies ist nach einer Studie des Fraunhofer Instituts für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik, des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung[49] und des Sachverständigenrates für Umweltfragen[50] auch im Jahr 2018 noch zu erreichen, falls die ältesten Braunkohlekraftwerksblöcke abgeschaltet würden und einige Braunkohlekraftwerke ihre Leistung leicht drosselten. Vor diesem Hintergrund ist unklar, in welchem Maße die Kohle aus dem Rheinischen Braunkohlerevier noch benötigt wird.[51] Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) lehnt eine Vermittlung bei der Frage, ob die RWE AG den Hambacher Forst roden soll, bevor die Kohlekommission eine Empfehlung zum Kohleausstieg abgegeben hat, ab.[52]

    Abbruchkante des Tagebaus Hambach mit dem Hambacher Forst und Aktivisten im Hintergrund (November 2017)

    Laut eines Artikels der Deutschen Welle blieben auch ohne eine Rodung in 2018 noch Vorräte für mindestens drei Jahre. Die Deutsche Welle nahm Bezug zu Recherchen des BUNDs welche nahelegen, dass die Abbaukante sich noch in ausreichender Entfernung vom Wald befindet. RWE-Chef Rolf Martin Schmitz hatte in einem Schreiben an die Vorsitzenden der Kohlekommission folgende Behauptung aufgestellt: „Eine vorübergehende Aussetzung der für Oktober 2018 geplanten Rodung im Tagebau Hambach würde bereits kurzfristig die Fortführung des Tagebaus und damit die Stromerzeugung der Kraftwerke Niederaußem und Neurath in Frage stellen“. Die Deutsche Welle sieht daher Anlass zu fragen, ob die RWE AG und RWE-Chef Ralf Martin Schmitz die Kohlekommission, Ministerien und Öffentlichkeit täuschen.[53]

    Der nun umstrittene Hauptbetriebsplan war von der rot-grünen Landesregierung im Juli 2016 verlängert worden,[54] sodass die weiteren Rodungen ab 1. Oktober durchgeführt werden könnten. Da der Besitzer des Geländes, die RWE AG, ankündigte, an diesem Zeitplan festhalten zu wollen, eskalierte die Situation im Spätsommer 2018, kurz vor dem geplanten Beginn der Arbeiten, nachdem die Polizei damit begann, die nach im Wald befindlichen Baumhäuser zu räumen.

    Chronik der Situation vor Ort

    Ambox current red.svg Dieser Artikel beschreibt ein aktuelles Ereignis. Die Informationen können sich deshalb rasch ändern.
    „Sie wollen nicht die Bäume retten, sondern unseren Staat abschaffen“, so NRW-Innenminister Herbert Reul.[55][56]

    Obwohl die Rodungen zu diesem Zeitpunkt gestoppt waren, betraten Unbekannte Neujahr 2018 das Gelände und begingen Sachbeschädigung, indem u. a. Stromgeneratoren unbrauchbar gemacht bzw. angezündet, Kabel durchtrennt und Container mit Steinen beworfen wurden.[57]

    Am 27. August 2018 entstand bei einer Ortsbesichtigung durch NRW-Polizeichefin Daniela Lesmeister der Plan für die Räumung des Waldes. Die Begehung wurde durch 400 Polizisten geschützt.[58]

    Am 28. August 2018 durchsuchte die Polizei zum wiederholten Mal das Wiesencamp außerhalb des Hambacher Forsts. Sie stellte dabei verschiedene Gerätschaften (Spraydosen, Farbtuben, Kartoffelmesser, Gabeln usw.)[59] sicher und beschlagnahmte sie. Betriebsräte der RWE wandten sich in einem offenen Brief an die Bundesregierung und warnten vor einem vorschnellen Kohleausstieg im rheinischen Revier.[60]

    Am 31. August 2018 stufte die Aachener Polizei den Hambacher Forst als „gefährlichen Ort“ ein. Nach § 12 des Polizeigesetzes des Landes Nordrhein-Westfalen (PolG NRW) sind somit verdachtsunabhängige Identitätsfeststellungen möglich.[61][62]

    Allein bis Ende August wurden laut Polizei über 80 Straftaten durch Aktivisten registriert.[63]

    In der Nacht vom 1. auf den 2. September 2018 brannte das „Bündnismobil“ der Initiative „Buirer für Buir“ aus. Die Polizei ermittelt wegen vorsätzlicher Brandstiftung.[64][61]

    Am 3. September 2018 präsentierte die Polizei den Medien ein buntes Arsenal an beschlagnahmten Waffen der Aktivisten. Neben einigen Zwillen handelte es sich vor allem um forstliches Gerät (Beile, Äxte, Macheten). Einen Tag später musste das Innenministerium NRW einräumen, dass ein großer Teil der gezeigten Gegenstände bereits im Sommer 2016 beschlagnahmt worden war und somit nicht in einem direkten Zusammenhang mit den aktuellen Aktionen stehen. Das Ministerium teilte mit, die Waffen seien „exemplarisch“ gezeigt worden.[65]

    Am 5. September 2018 begann RWE damit, Hindernisse und Blockaden der Aktivisten aus dem Wald zu entfernen. Zum Schutz der Arbeiter waren mehrere Hundertschaften der Polizei im Einsatz.[66] Am 9. September 2018 nahmen 1100 Bürger an einer Führung durch den Wald teil.[67] Am 12. September 2018 wurde die Räumung für den nächsten Tag angekündigt.[68]

    Die Räumung des Hambacher Forsts wurde am Donnerstag, dem 13. September 2018, durch die nordrhein-westfälische Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen Ina Scharrenbach (CDU) angeordnet. Die Aktion gilt als eine der größten Polizeieinsätze in der jüngeren Geschichte Nordrhein-Westfalens.[69] Im Wald befanden sich etwa 40 bis 60 Baumhäuser in mindestens drei „Dörfern“ mit den Namen „Norden“, „Oaktown“ und „Gallien“.[70] Formal wird nicht von einem Polizei-, sondern von einem Rettungseinsatz gesprochen.[58] Die Räumung steht offiziell nicht in direktem Zusammenhang mit den geplanten Rodungen. Im Jahr 2014 entschied das Bauministerium Nordrhein-Westfalens, dass die im Wald errichteten Baumhäuser der Baumbesetzer nicht als bauliche Anlagen einzustufen seien. Am 4. September 2018 erging ein Erlass des Ministeriums, wodurch die Häuser zu baulichen Anlagen erklärt wurden. Da die Baumhäuser keine Rettungstreppen und Zufahrten für Rettungskräfte in einem Notfall haben, verstoßen sie gegen brandschutzrechtliche Vorschriften. Ferner fehlen bei den Baumhäusern die notwendigen Fensterbrüstungen und Absturzvorrichtungen. Nach Aussage des Ministeriums müsse daher unverzüglich geräumt werden, da „Gefahr im Verzug für Leib und Leben der Baumhausbewohner aus Brandschutzgründen“ bestünde.[69] Jan Heinisch, Staatssekretär im Bauministerium Nordrhein-Westfalens sagte: „Der Brandschutz kennt keinen Aufschub. Sollte irgendwo ein Brand ausbrechen, könnten die Retter nicht schnell genug zur Hilfe eilen. Die Situation ist für die Bewohner lebensgefährlich.“ Die Landesregierung wies scharf zurück, dass ein Zusammenhang zwischen der bevorstehenden Rodung durch die RWE AG und den Räumungen bestünde. Die RWE AG erklärte, dass der Konzern an der Entscheidung nun mit der Räumung zu beginnen, nicht beteiligt gewesen sei, gab aber an: „RWE Power hat am 1. August 2018 einen Antrag bei den Ordnungsbehörden und der Polizei gestellt, rechtzeitig vor der genehmigten Rodungssaison 2018/2019 den Hambacher Forst, der Eigentum der RWE ist, von rechtswidrigen Besetzungen und Nutzungen zu räumen.“[71]

    Baumhauskolonie im Hambacher Forst (Februar 2018)

    Als am Morgen des 13. Septembers 2018 die Polizei in den Wald einrückte, bildeten mehrere protestantische und katholische Geistliche und junge Gemeindemitglieder aus Düren und Buir eine Sitzblockade und wurden von der Polizei weggetragen.[72] In der Kölner Innenstadt trafen sich am Abend desselben Tages etwa 400 Menschen in einer unangekündigten Demonstration gegen die geplante Rodung des Hambacher Forsts und blockierten teilweise den Verkehr.[73]

    Mit Beschluss vom 13. September 2018 bestätigte das Verwaltungsgericht Köln (VG) die Räumungsverfügung, gegen die ein Baumbesetzer geklagt hatte. Dieser meinte, wegen der Räumung würde er obdachlos. Dem folgte das VG Köln nicht.[74] Am 14. September 2018 blockierten Umweltaktivisten aus Protest gegen die Räumung die Vertretung des Landes Nordrhein-Westfalen beim Bund in Berlin.[75]

    Zwischen dem 15. und 16. September kam es bei der Räumung im „Oaktown“ – dem Hauptcamp im Wald – zu Verzögerungen. Dort unter dem besetzten Baum „Simona“ wurde ein Schachtzugang entdeckt. Wie sich später herausstellte, hatten sich in diesem zwei Aktivisten – darunter ein Journalist – verbarrikadiert. Auf der untersten Sohle war der Schacht ca. 11 Meter tief und verfügte über zwei Kammern. Zur Bergung mussten die Feuerwehr Kerpen und Fachleute der Grubenwehr Herne hinzugezogen werden. Es kam zu Sauerstoffproblemen, sodass für eine Bewetterung der Schachtanlage gesorgt werden musste. Auch bestand die Gefahr, dass schwere Fahrzeuge im Wald den Bau zum Einsturz bringen. Samstagfrüh konnten die Aktivisten dazu überredet werden, den Schacht freiwillig zu verlassen. Im Anschluss wurden sie in Polizeigewahrsam genommen.[76]

    Am 16. September 2018 nahmen nach Angaben der Polizei 4.000 Menschen und nach Angaben der verschiedenen Aktivistengruppen zwischen 5.000 und 9.000 Menschen an den Protesten im Wald teil. Bei Zusammenstößen zwischen Aktivisten und der Polizei wurden acht Menschen verletzt.[77]

    Mediales Aufsehen erregte unter anderem, dass einige Aktivisten neben zivilem Ungehorsam (z. B. durch Sitzblockaden) Widerstand dadurch leisteten, dass sie in Eimern gesammelte Fäkalien auf die Einsatzkräfte ausschütteten bzw. diese mit eigenem Kot bewarfen. Die Polizei musste daraufhin entsprechende Schutzbekleidung anziehen, um sich vor Infektionen zu schützen.[78] Des Weiteren setzten die Demonstranten verschiedene Waffen, wie etwa Molotowcocktails, gegen Einsatzkräfte ein.[79]

    Am 19. September 2018 starb ein Journalist, nachdem er durch eine Hängebrücke an einem Baumhaus gebrochen und 15 Meter in die Tiefe gestürzt war. Die Räumungsarbeiten wurden daraufhin ausgesetzt.[80]

    Beurteilung des Einsatzes

    Der Bund Deutscher Kriminalbeamter NRW (BDK) sieht in der durch die Landesregierung angeordneten Räumung „eine krasse politische Fehlentscheidung“. Der Landesvorsitzende des BDK kritisierte, dass die Regierung erst jetzt, „nach einem der trockensten Sommer der Nachkriegsgeschichte“, entgegen der Wertung des NRW-Bauministeriums von 2014 und einer entsprechenden rechtlichen Einordnung der betroffenen Kommunen, die Baumhäuser als bauliche Anlagen werte und (unter anderem) wegen Brandschutz räumen lasse: „Die Landesregierung kann sich nun nicht mehr hinter gerichtlichen Entscheidungen verstecken. Das ist eindeutig ein politischer Startschuss für die heiße Phase eines der größten und teuersten Polizeieinsätze in der Geschichte NRWs. Die Polizei wird hier in Amtshilfe tätig. Diese Amtshilfe hätte zum jetzigen Zeitpunkt versagt werden müssen, weil dem Land erhebliche Nachteile bei der Gewährleistung der Sicherheit für die Bevölkerung entstehen.“ Der stellvertretende Landesvorsitzende ergänzte: „Hier werden die Kollegen regelrecht verheizt und zwar sowohl die uniformierten als auch die Kolleginnen und Kollegen der Kriminalpolizei, die zum Beispiel in Gefangenensammelstellen eingesetzt werden oder durch Ermittlungen gebunden sind.“ Durch den Einsatz könnten „Präsenzkonzepte in den Städten nicht in dem erforderlichen Umfang durchgeführt werden. Die Fallzahlen in den Innenstädten steigen schon wieder an. […] Im Ergebnis schützen wir nun den Braunkohleabbau von RWE statt unsere Bevölkerung.“[81] Die Gewerkschaft der Polizei schätzt die Kosten für den Polizeieinsatz auf einen zweistelligen Millionenbetrag.[82]

    Claudia Kemfert kommt zu dem Schluss, dass bei einem Einleiten des Kohleausstiegs auf Grundlage der oben erwähnten Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung auf einen Teil der Braunkohle des Hambacher Tagebaus verzichtet werden könnte. Vor diesem Hintergrund sieht sie in der angekündigten Rodung durch die RWE AG, bevor die Kohlekommission einen Kompromiss erarbeitet hat, eine unnötige Eskalation.[83]

    Der Katholikenrat der rheinischen Region Düren spricht sich gegen die Rodung aus und möchte mit einer Prozession mit dem Aachener Friedenskreuz ein „deutliches, friedliches Zeichen für den Fortbestand unserer Erde“ und gegen die „Gewinnsucht unserer Zeit“ setzen. Der Katholikenrat nimmt an der Anfang 2016 gegründeten Initiative Friedensplan teil, welche sich sechs mal mit Vertretern der RWE AG zu Gesprächen traf. Die Initiative ist ein Bündnis aus Kirchen, Umweltschutzorganisationen und Bürgerinitiativen. Als Motivation für das Engagement gilt auch die Umwelt-Enzyklika Laudato si’ von Papst Franziskus. In der Enzyklika fordert Franziskus die Katholiken auf, sich einzumischen für den Ausstieg aus der Nutzung fossiler Energieträger und stellt eine Verbindung zwischen dem herrschenden Wirtschaftssystem und dem weltweiten Ressourcen- und Klimaproblem her. Bedenken an einem zu starken Engagement gegen die Interessen der RWE AG kommen teils von Kirchenvertretern der unmittelbar am Tagebau liegenden Gemeinden, u. a. weil umgesiedelte Gemeinden auf das finanzielle Entgegenkommen bei Entschädigungen des Konzerns angewiesen sind.[84][85]

    Sonstiges

    Der Fotograf Martin Claßen fertigte Anfang des Jahres 2018 Porträtfotos einzelner Bäume des Hambacher Forsts an. Eine Auswahl von rund 50 Schwarz-Weiß-Bildern fasste er zu der Ausstellung „Die Todgeweihten“ zusammen. Die Fotos sollen im Rahmen des Photoszene-Festivals in Köln gezeigt werden.[86]

    Waldeinteilung

    Die Dörfer rund um den Bürgewald hatten bestimmte Anteile am Wald. Im Laufe der Zeit wurde jedem Dorf ein bestimmtes Waldstück zugeteilt. So bekam der Bürgewald kleinere Unterteilungen mit bestimmten Namen. Folgende Waldstücke im Bürgewald gab beziehungsweise gibt es:

    a Durch den Tagebau abgebaggert

    Die Steinheide zwischen Manheim und Geilrath sowie der Lörsfelder Busch bei Kerpen gehören ebenfalls zur Bürge. Die beiden Wälder waren noch bis circa 1900 mit dem Kernwald verbunden, wurden jedoch durch Abholzung voneinander getrennt. Beide Wälder werden nicht vom Tagebau Hambach abgebaggert.[87]

    Literatur

    • Theo Hamacher: Zur Geschichte unserer Wälder – Mittelalterliche Wertung des Waldes und die Bürgebuschordnung vom Jahre 1557. In: Rur-Blumen. Jg. 1928, Nr. 7.
    • P. H. Schläger: Der Bürgewald. In: Beiträge zur Heimatkunde des Kreises Bergheim, Heft 1, Bergheim 1950.
    • Werner Sieper: Probleme des Bürgewaldes. In: Dürener Geschichtsblätter. Nr. 26, Düren 1961.

    Weblinks

     Commons: Hambacher Forst – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
     Wiktionary: Hambacher Forst – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen