Wappen von Krefeld-Uerdingen am Rhein

Die Stadt Krefeld-Uerdingen am Rhein war ein im deutschen Kommunalverfassungsrecht bis heute einzigartiges Konstrukt einer sogenannten „Dachgemeinschaft“[1][2] zwischen den beiden niederrheinischen Städten Krefeld und Uerdingen am Rhein. Im Jahr 1928 schlossen sie als gleichberechtigte Partner einen Vertrag über einen Zusammenschluss, in dem beide Städte weitgehend ihre Eigenständigkeit behalten sollten. Die Gemeinschaftsstadt wurde im Gesetz über die kommunale Neugliederung des rheinisch-westfälischen Industriegebiets[3] festgeschrieben und in den örtlichen Stadtverordnetenversammlungen mehrheitlich beschlossen. Uerdingen wurde damit 1929 nicht in die Stadt Krefeld eingemeindet.

Die Stadt Krefeld-Uerdingen am Rhein, mit ihren beiden selbständigen Stadtteilen Krefeld und Uerdingen, bestand vom 1. August 1929 bis zu ihrer Auflösung[4] durch die kommunalen, nationalsozialistischen Machthaber, am 1. April 1940.

Vorgeschichte

Im 19. und 20. Jahrhundert gab es immer wieder Bestrebungen, die Kommunen in der preußischen Rheinprovinz territorial neu zu ordnen. So kam es oft zu Eingliederungen und freiwilligen Eingemeindungen, was nicht zuletzt Folge der sprunghaften Entwicklung von kleinen Dörfern zu großen Gemeinden und Städten im Zuge der Industrialisierung war (siehe Kreisreformen in Preußen). Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts war eine kommunale Neuordnung des rheinisch-westfälischen Ballungsraums angedacht. Der Erste Weltkrieg und die Nachkriegszeit mit belgischer Besatzung unterbrachen aber die weitere Planung. Eine groß angelegte kommunale Neugliederung der Industriegebiete am mittleren Niederrhein begann daher erst Mitte der 1920er Jahre. Mit Erlass vom 6. Dezember 1927 beauftragte der preußische Innenminister Albert Grzesinski den Regierungspräsidenten von Düsseldorf Karl Bergemann, die Vorarbeiten für eine kommunale Neugliederung zu beginnen[5] und im nächsten Jahr abzuschließen. Ziel war es, aus fünf Landkreisen einen Nord- und einen Südkreis zu machen. Krefeld sollten dabei Teile des Landkreises Kempen und die Stadt Uerdingen zugeschlagen werden.

Die Auswirkung auf Krefeld und Uerdingen

Krefeld wuchs bereits Ende des 19. Jahrhunderts zu einer Großstadt heran. Durch weitere Eingemeindungen von Linn im Jahr 1901 sowie Bockum, Verberg und Oppum im Jahr 1907 wuchs die Stadt weiter beträchtlich.[6] Die Eingemeindungen von Fischeln und Traar waren in Planung. Schon lange hatte man einen Blick auf die Nachbarstadt Uerdingen geworfen, schien sie doch durch ihre entwickelte Chemieindustrie, das metallverarbeitende Gewerbe und die 3,5 km lange Rheinfront eine sinnvolle Ergänzung zur eigenen Wirtschaft, die sich einseitig auf die Textilindustrie stützte.[7] Hinzu kam, dass Uerdingen in den letzten Jahrzehnten den Expansionsbestrebungen Krefelds nicht viel entgegensetzte und selbst Eingemeindungswünsche anderer Orte zu Uerdingen wie z. B. der Gemeinde Traar nicht ernsthaft verfolgte. Mittlerweile war Uerdingen trotz später Gebietszuwächse im Norden durch die Eingemeindung von Hohenbudberg und dem südlichen Teil von Kaldenhausen (Hagschinkel) von der Stadt Krefeld umklammert. Uerdingen hätte als Stadtgemeinde auch einen Übergang in den Landkreis Moers erwägen können,[8] zumal sich die Stadt in den letzten vorhergehenden Jahren kommerziell und industriell glänzend entwickelt hatte.[9] Dies erschien aber nach reiflicher Überlegung wegen wirtschaftlicher, historischer und kommunalpolitischer Gründe nicht sinnvoll und gangbar. Zudem gab es durch die räumliche Nähe in einigen Bereichen bereits punktuell eine Zusammenarbeit (z. B. Crefeld-Uerdinger Lokalbahn[10]).

Entstehungsgeschichte und Inhalt der Dachgemeinschaft

Entstehungsgeschichte

„Das Wichtigste für die Stadt Uerdingen ist die Erhaltung ihrer Selbstverwaltung und ihrer unangetasteten Selbständigkeit“, hieß es 1927 in einer Entschließung der Stadtverordnetenversammlung der Rheinstadt.[5] Die Lösung war deshalb die Gründung eines Zweckverbandes als sogenannte „Dachgemeinschaft“ zwischen den beiden Städten Krefeld und Uerdingen am Rhein.[5] Die Idee des Dachgemeinschaftsvertrags wurde mit großer Mehrheit im preußischen Landtag nach harten Kämpfen angenommen.[11] Auf der Grundlage eines Vereinigungsvertrages sollte die „Dachgemeinschaft“ geregelt werden, wobei beiden Städten für eine längere Zeit eine größtmögliche Eigenständigkeit zugestanden werden sollte. Unterhändler der Verhandlungen waren der Bürgermeister Wilhelm Warsch (Deutsche Zentrumspartei) für Uerdingen und der parteilose, nationalliberal gesinnte, Bürgermeister Johannes Johansen für Krefeld. Wilhelm Warsch versuchte als Kommunalpolitiker neuen Typus, in dem Gemeinschaftsvertrag möglichst viel für Uerdingen zu erreichen, da seine Stadtverordneten einem Zusammenschluss mit der Stadt Krefeld äußerst skeptisch gegenüber standen. Daher sollte das Konstrukt der Dachgemeinschaft zur Sicherheit auch fester Bestandteil des noch zu erlassenden preußischen Gesetzes über die kommunale Neugliederung des rheinisch-westfälischen Industriegebietes werden, was Warsch durch geschicktes Taktieren und organisierte, plakative Aktionen („Vertragliches Recht ist heilig, schützt es!“)[12] auch erreichen konnte.[13]

Der zukünftige Stadtkreis sollte Krefeld-Uerdingen am Rhein heißen. Trotz Bedenken von Reichspost und Reichsbahn bestand Uerdingen auf den Doppelnamen. Die neue Stadt sollte aus den beiden selbständigen Stadtteilen Krefeld und Uerdingen bestehen, die nach Maßgabe der Rheinischen Städteordnung vom 15. Mai 1856 (der beide Städte angehörten) weitgehend eigenständig verwaltet werden sollten. Damit hatte die Stadt Krefeld-Uerdingen am Rhein nach heutiger Betrachtung den Charakter einer Doppelstadt mit zwei kommunalrechtlich selbständigen Stadtteilen.

Am 23. November 1928 stimmten die Stadtverordnetenversammlungen in Krefeld und Uerdingen am Rhein dem Vertrag mehrheitlich zu, wobei in beiden Städten die Verordneten der KPD dagegen votierten.[5] In Uerdingen stimmten darüber hinaus noch drei Zentrumspolitiker gegen den verhandelten Vertrag, so dass hier nur eine knappe Mehrheit dafür zustande kam. Am 12. Dezember 1928 wurde der umfangreiche Vertrag über einen zweckverbandsmäßigen Zusammenschluss der Städte Krefeld und Uerdingen am Rhein (Vereinigungsvertrag) offiziell geschlossen.[14]

Der Vertrag sollte zeitgleich mit dem preußischen Neugliederungsgesetz in Kraft treten und bis 1949, optional 1959 gelten.[15]

Nachdem am 29. Juli 1929 der preußische Landtag das „Gesetz über die kommunale Neugliederung des rheinisch-westfälischen Industriegebietes“ beschlossen hatte, trat es am 1. August 1929 in Kraft. Am gleichen Tag wurde Warsch kommissarischer Bürgermeister der Stadt Krefeld-Uerdingen a. Rh. Die letzte Stadtverordnetensitzung Uerdingens fand am 31. Juli 1929 statt. Die nächste Sitzung der Stadtvertreter Uerdingens fand bereits als Bezirksverordneten-Versammlung am 6. Dezember 1929 statt.

Am 11. Juni 1930 wurde Warsch erster Beigeordneter der neuen Stadt Krefeld-Uerdingen a. Rh. und Bürgermeister des Stadtteils Uerdingen. Bereits am 30. April 1930 wurde der ehemalige, langjährige Bürgermeister von Neuss Heinrich Hüpper als Nachfolger von Johannes Johansen zum Oberbürgermeister von Krefeld-Uerdingen am Rhein und Bürgermeister des Stadtteils Krefeld gewählt. Auch er wurde am 11. Juni 1930 in sein Amt eingeführt.

Nach Inkrafttreten des Neugliederungsgesetzes wurde, wie dort im § 7 festgelegt, zwischen Uerdingen, Krefeld, dem Ministerium des Inneren und der Bezirksregierung ein zusätzlicher Vertrag zur Regelung der zukünftigen Verwaltung, der Gas-, Wasser- und Elektrizitätsversorgung, der Hafengemeinschaft, von Schulen, Bädern und Schlachthof, von Stadtwappen, Siegel und Flagge sowie über die Tilgung von Gemeindeschulden teils verbissen verhandelt.[1][14] Dieser wurde am 25. April 1930 nach Zustimmung der Bezirksversammlungen Krefelds und Uerdingens sowie der Stadtverordnetenversammlung von Krefeld-Uerdingen a. Rh. durch die Bezirksregierung genehmigt und in Kraft gesetzt.

Geplant war z. B. trotz großer Bedenken der Reichsbahn die Umbenennung der Bahnhöfe Krefeld in Krefeld-Uerdingen a. Rh. Hauptbahnhof und Uerdingen in Krefeld-Uerdingen a. Rh. Rheinbahnhof. Es sollte einen Oberbürgermeister für die Gemeinschaftsstadt, einen (Ober-)Bürgermeister für Krefeld und einen Bürgermeister für Uerdingen geben. In diesem Vertrag wurden immerwährende Elemente festgelegt, wie z. B. die dauerhafte Erhaltung der Bücherei, der Polizeidienststelle und des Rathauses in Uerdingen,[16]. Langfristig gemeinschaftlich durchzuführende Projekte wie z. B. die Schaffung eines Tunneldurchstichs am Uerdinger Bahnhof (Rheinbahnhof).[15] wurden dagegen schon vorab im Vereinigungsvertrag (50 Buchseiten) fixiert.

Stadtwappen

Seit der Vereinigung am 1. August 1929 standen auf amtlichen Dokumenten und Veröffentlichungen die Wappen von Krefeld und Uerdingen gleichberechtigt nebeneinander. Durch den Zusatzvertrag vom 25. April 1930 einigte man sich auf ein gemeinsames Wappen für die Zukunft. Das Wappen wurde von dem angesehenen Heraldiker Professor Otto Hupp entworfen. Es galt ab 1931. Im Gegensatz zum heutigen Wappen der Stadt Krefeld war der Wappenschild geteilt (oben und unten) und nicht gespalten. Das Wappen zeigte in der oberen Hälfte des Schildes das Krefelder Wappen, bestehend aus dem heiligen Dionysius, wachsend, mit dem Krummstab in der Rechten und dem abgeschlagenen Haupt in der Linken, in der unteren Hälfte das (geteilte) Uerdinger Wappen mit den beiden Schlüsseln. Das Moerser Landeswappen, eigentlich Teil des Krefelder Wappens, stand historisch und damit heraldisch falsch als Herzschild in der Mitte.

Konstrukt der Dachgemeinschaft

Die Dachgemeinschaft Krefeld-Uerdingen a Rh. bestand aus der alten Stadt Krefeld mit den 1929 eingemeindeten Gemeinden Fischeln, Traar, Gellep-Stratum sowie einem Teil Benrads und der Stadt Uerdingen (bereits mit Hohenbudberg) mit dem 1929 eingemeindeten südlichen Teil Kaldenhausens (Hagschinkel). Die Gemeinschaftsstadt war ein Stadtkreis im Sinne der kommunalverfassungsrechtlichen Vorschriften.

Dem Stadtkreis Krefeld-Uerdingen a. Rh. wurden nur ganz wenige originäre Zuständigkeiten übertragen wie statistische Angelegenheiten, Gas-, Wasser- und Elektrizitätsversorgung, Hafen- und Werftbetrieb, Jugendamt, alle sogenannten „Kreissachen“, also Angelegenheiten, deren Erledigung üblicherweise den Stadt- und Landkreisen zugewiesen waren.

Krefeld-Uerdingen a. Rh. bestand aus den beiden selbständigen Stadtteilen Krefeld und Uerdingen in den Stadtgebieten von 1929, die die Eigenschaften von Körperschaften des öffentlichen Rechts als selbständige Gemeinden behielten. Laut § 7 (2) des Neugliederungsgesetzes waren die beiden Stadtteile z. B. bei Kommunalwahlen eigenständige Wahlbezirke und nach § 7(3) bezüglich der Steuer eigenständige Gemeinden.

Bei den Stadtteilen Krefeld und Uerdingen verblieben daher alle übrigen Verwaltungszweige, so dass sich an der Verwaltungspraxis bei ihnen nur wenig änderte. Für den Stadtkreis Krefeld-Uerdingen a. Rh. gab es eine eigene Stadtverordnetenversammlung und die Verwaltungsspitze unter Leitung des Oberbürgermeisters, die im Wesentlichen mit der bisherigen Krefelder Stadtverwaltung und der neuen Stadtverwaltung des Stadtteils Krefeld identisch war und blieb. Die Uerdinger Selbstverwaltung arbeitete als neue Stadtverwaltung des Stadtteils Uerdingen im Grundsatz unverändert weiter. Der Bürgermeister des Stadtteils Uerdingen wurde zugleich entsprechend der Ortssatzung Erster Beigeordneter der Stadt Krefeld-Uerdingen a. Rh. Beide Stadtteile hatten sogenannte Bezirksverordnetenversammlungen als eigene parlamentarische Körperschaften. Beide Stadtteile hatten einen Bürgermeister.

Das in der Weimarer Republik verhandelte Konstrukt der „Dachgemeinschaft“ als Zweckverband zweier Städte war einmalig und daher nicht vergleichbar mit anderen zeitgleich durchgeführten Zusammenschlüssen wie z. B. Duisburg-Hamborn (Duisburg) oder Barmen-Elberfeld (Wuppertal).

Es ist in die kommunalverfassungsrechtliche Geschichte Deutschlands eingegangen.

Unfreiwillige Auflösung der Stadt Krefeld-Uerdingen am Rhein

Politische Zeitenwende

Am 30. Januar 1933 übernahm die NSDAP die Macht in Deutschland. Damit begann gleichsam der Niedergang der kommunalen Selbstverwaltung. Bereits mit der Verabschiedung des Preußischen Gemeindeverfassungsgesetzes, der Reichsgemeindeordnung, Ende 1933, wurden alle bisher gültigen Städteordnungen und Landgemeindeordnungen aufgehoben. Nunmehr galt eine einzige Gemeindeordnung für alle bisherigen preußischen Stadt- und Landgemeinden (mit Ausnahme der Hauptstadt Berlin). Die "Bürgermeister" bzw. die "Oberbürgermeister" in den Kreisstädten wurden nicht mehr gewählt, sondern berufen.

Geistige Vordenker dieser Entwicklung waren die konservativen Verfassungstheoretiker Ernst Forsthoff und Carl Schmitt, die sich bereits Anfang der 1930er-Jahre gegen die Einführung demokratischer Parteienpolitik in der Weimarer Republik und den Einfluss "pluralistischer Zersetzungserscheinungen" einsetzten.

In den Gliedstaaten des Deutschen Reiches galten bis zur Einführung der Deutschen Gemeindeordnung (DGO) am 30. Januar 1935 die über 30 landesrechtlichen Kommunalverfassungen weiter. Die DGO legte fest, dass an der Spitze der Gemeinde im Sinne des Führerprinzips ein vom Staat ernannter Bürgermeister als "Leiter der Gemeinde" stehen musste. Einen gewählten Rat als Vertretung der Bürgerschaft gab es nicht mehr, hingegen hatten die Gemeinderäte "die dauernde Führung der Verwaltung der Gemeinde mit allen Schichten der Bürgerschaft zu sichern". Durch die DGO wurde die kommunale Selbstverwaltung praktisch abgeschafft. [17]

Seit ihrer Machtübernahme hatten die Nationalsozialisten durch eine Kombination von Terror und Einschüchterung die politischen Funktionsträger in den meisten Gemeinden ruhig gestellt und nach und nach auf Grundlage des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 entfernt.

Auflösung der Dachgemeinschaft und Umbenennung

Bürgermeister Warsch verwehrte den Nazis mit Hilfe zuverlässiger Polizisten den Zugang zum Rathaus und anderen öffentlichen Gebäuden. Am 27. März 1933 berief der Regierungspräsident von Düsseldorf den ehemaligen Uerdinger Bürgermeister Aldehoff mit 65 Jahren zum kommissarischen Bürgermeister. Bürgermeister Warsch wurde zunächst beurlaubt, dann 1934 entlassen und 1935 mit 40 Jahren in den Ruhestand gesetzt. Auch der neue Oberbürgermeister und Bürgermeister des Stadtteils Krefeld, Heinrich Hüpper, wurde am 9. Juli 1933 beurlaubt und schließlich zum 1. Januar 1934 entlassen.

Das Konstrukt der Doppelstadt als „Dachgemeinschaft“ war den Nationalsozialisten seit ihrer Machtübernahme ein Dorn im Auge, widersprach es doch dem Geist eines zentral und straff geführten Kommunalwesens nach dem Führerprinzip. Trotz des Widerspruches der Uerdinger NSDAP gegen den Krefelder NSDAP-Kreisleiter Erich Diestelkamp[18] und dem eingesetzten Oberbürgermeister, gleichsam Bürgermeister des Stadtteils Krefeld, SA-Obersturmbannführer Alois Heuying wurden erste Schritte zur geplanten Auflösung der Dachgemeinschaft unternommen. 1938 wurde denn auch der Uerdinger Bürgermeister Aldehoff zum Amtsrücktritt gedrängt und durch den durchgreifenden SS-Standartenführer, Stadtrat Emil Hürter[19] ersetzt.

Nun wurde durch Beschluss der Ratsherren vom 25. Januar 1940 das ausgeglichene und bestens bewährte Verhältnis zwischen den Stadtteilen Krefeld und Uerdingen aufgelöst und Uerdingen sein gesetzlich verbriefter Rechtsstatus genommen.[20] Krefelds Oberbürgermeister Heuying und der Uerdinger Bürgermeister Hürter verkündeten in klassischer Herrschaftsmanier jeweils gleich lautende Beschlüsse: „Nach Anhörung der Ratsherren, Widerspruch wurde von ihnen nicht erhoben, beschließe ich: Die Übergangszeit für die getrennte und selbständige Verwaltung von Uerdingen wird auf den 1. April 1940 verkürzt.“[21] Die „vorbehaltlose und endgültige Vereinigung der Stadtteile Krefeld und Uerdingen tritt am 1. April 1940 in Kraft“ ließ Hürter in das Stadtratsprotokoll aufnehmen.[18] Am 1. April 1940 schließlich wurde die Stadt Krefeld-Uerdingen am Rhein aufgelöst. Die Stadt hieß fortan Krefeld. „Uerdingen“ und „am Rhein“ fielen aus dem Stadtnamen weg.[5] Uerdingen wurde annektiert.

Unter der Parole „Uerdingen muss Krefeld sein“ begann nun der strikte Abbau von dezentralen und doppelten Strukturen. So wurde am 1. September 1940 die Städtische Sparkasse Uerdingen in die Stadt-Sparkasse Krefeld einverleibt. Nachdem große Teile Krefelds durch mehrere Bombenangriffe der Alliierten fast völlig zerstört wurden, entstand bei den NS-Machthabern die Idee, nach einem gewonnenen Krieg das noch wenig zerstörte Uerdingen abzureißen und eine Stadtmitte „Krefeld am Rhein“ neu zu errichten. Dazu kam es aufgrund der Befreiung vom Nationalsozialismus nicht.

Versuch der Wiedergutmachung

Nach dem Krieg versuchte der von den amerikanischen Alliierten als weitgehend unbelastet eingestufte, zum kommissarischen Bürgermeister ernannte Uerdinger Industrielle Edmund Holtz (März bis Juni 1945)[22] und ab dem 1. Juli 1945 der politisch unbescholtene Bürgermeister Wilhelm Warsch (ab 23. Februar 1946 Oberbürgermeister von Krefeld[23]) das im Dritten Reich erfahrene kommunale Unrecht Uerdingens rückgängig zu machen. Warsch wurde mit dem 1. Juli 1945 als Beamter auf Widerruf bei der Stadt Krefeld als Vertreter des Oberbürgermeisters wieder in den Dienst gestellt und führte für die Dauer seiner Wiederverwendung die Amtsbezeichnung Bürgermeister, ohne den Zusatz ‚a. D‘. Sein Eintritt bereicherte einerseits die Krefelder Verwaltungsspitze um einen erfahrenen Verwaltungsfachmann, bedeutete anderseits aber auch ein erneutes Wiederaufrollen der „Uerdinger Frage“. Diese Gefahr sah Oberbürgermeister Stepkes (1884–1966) voraus: "Warsch wird nach Uerdingen zurückkehren, mit ihm der Kampf um die Geltung Uerdingens." Warsch gelang in Verhandlungen mit den nun zuständigen britischen Alliierten die Wiederherstellung alter kommunaler Rechte nur teilweise, jedoch mit beachtlichem Ergebnis. Uerdingen erhielt sogar „die Zusage auf dauerhafte Selbstverwaltung, einem eigenen Bürgermeister und eigener Ortssatzung“.

Am 13. August 1946 gab Warsch im Rahmen einer Feierstunde in Uerdingen, einen Beschluss des neuen Krefelder Stadtrats bekannt. Danach sollte Uerdingen eine Bezirksverwaltung nach Berliner Muster erhalten, mit Bezirksbürgermeister und einem Beigeordneten an der Spitze und mit beträchtlichen Zuständigkeiten.[21] Eine Korrektur des 1940 eingeführten Stadtnamens Krefeld in Krefeld-Uerdingen a. Rh. erfolgte aber nicht. Gleichwohl eröffnete Wilhelm Warsch, in der Überzeugung, für Uerdingen die Selbständigkeit innerhalb der Gesamtstadt erreicht zu haben, die erste Bezirksvertretungssitzung Uerdingen, im Februar 1947 in Anlehnung an die Uerdinger Hymne (Heimatlied) mit den Worten „Oeding blievt Oeding“.[5] Ende Februar 1947 wechselte Warsch nach Köln, wo er am 17. März 1947 zum Regierungspräsidenten ernannt wurde. Der Beschluss des Krefelder Stadtrats wurde unterdessen in der entsprechenden Satzung Krefelds vom 15. Juli 1949 (wegen des damaligen Oberstadtdirektoren Bernhardt Heun „Lex Heun“ genannt) aufgrund von Auslegungsschwierigkeiten nochmals bestätigt und präzisiert. Der darin definierte Status war allerdings nicht mehr so weitgehend wie in dem Vereinigungsvertrag mit Dachgemeinschaftskonstrukt von 1929. Trotzdem hatte die Rheinstadt damit aber kommunale Sonderrechte, die in Deutschland einzigartig waren. Uerdingen hatte z. B. weiterhin einen Bürgermeister und einen eigenständigen finanziellen Spielraum.

Die Stellung Uerdingens war Vorbild für das Gesetz zur Änderung der Gemeindeordnung des Landes Nordrhein-Westfalen 1952, das die Einrichtungen von Bezirksvertretungen und Bezirksverwaltungen in Großstädten anordnete.[20]

Mit Berufung auf die Gebietsreform in Nordrhein-Westfalen 1975 wurden diese Sonderrechte weitgehend vom Stadtrat Krefeld aufgehoben. Die alte Rheinstadt Uerdingen (mit Gellep-Stratum) ist heute ein Stadtbezirk und Stadtteil der Stadt Krefeld, obwohl sie förmlich nie eingemeindet (eingegliedert) wurde. Von der Gesamtstadt Krefeld-Uerdingen am Rhein übrig geblieben sind noch das gespaltene Wappen der Stadt Krefeld (1950), das im linken Teil das Wappen Uerdingens zeigt, und der Stadtkämmerer der Stadt Krefeld als symbolischer Beigeordneter Uerdingens. Viele Einwohner Uerdingens sehen sich noch immer als Bürger einer eigenständigen Stadt. 2005 wurden „750 Jahre Stadtrechte Uerdingen“ in zahlreichen Veranstaltungen gefeiert. Eine gebundene Festschrift mit gleichlautendem Titel wurde 2006 veröffentlicht.

Literatur

  • Hans Vogt, Robert Haas, Carl Müller, Albert Steeger: 750 Jahre Stadtrechte Uerdingen. Schotte, Krefeld 2006.
  • Elmar Jakubowski, Heinz Trebels: Uerdingen – so wie es war. Droste Verlag, Düsseldorf 1977, ISBN 3-7700-0462-0.
  • Walther Föhl: erdinger Bibliographie. Verlag d. Uerd. Heimatb., Krefeld 1965.
  • Joachim Lilla: Quellen zu den Krefelder Eingemeindungen unter besonderer Berücksichtigung der kommunalen Neugliederung 1929. Verein f. Heimatkunde Krefeld, Krefeld 1999, ISBN 3-9802939-5-5.
  • Joachim Lilla: Wilhelm Warsch (1895–1969). Kommunalbeamter – Parteigründer – Regierungspräsident. In: Geschichte im Westen. 2010, S. 105–132.

Weblinks