Salzmumie 4

Die Salzmumien von Zandschan sind eine Gruppe von Naturmumien aus dem Salzbergwerk Chehrabad in Nordwest-Iran. Die Mumien stammen aus der Antike/Spätantike. Sie werden zuweilen als Salzmänner (Salt Men, persisch: Mardane Namaki) bezeichnet, was aber irreführend ist, weil sich darunter auch eine Frau und ein Jugendlicher befinden.[1]

Entdeckung und Forschung

Das Salzbergwerk Chehrabad befindet sich direkt bei dem Dorf Hamzehlu in der Provinz Zandschan. Hier liegt ein tektonisch noch aktiver Salzstock, der sich tagnah abbauen lässt. Die Steinsalzzüge sind in eine instabile Ton-Gips-Mischung eingebettet.[2] 1993 wurde die erste Mumie zusammen mit einigen Werkzeugen und Textilien zufällig bei Baggerarbeiten entdeckt. Ab 2004 fand man Überreste von sieben weiteren Individuen.[3] Der kommerzielle Steinsalzabbau wurde 2008 zugunsten der archäologischen Forschung eingestellt.

In zwei Grabungen 2009 bis 2011 und 2015 bis 2018 wurde das prähistorische Bergwerk untersucht. Eine der Mumien beließ man in situ. Das Fundspektrum umfasst zahlreiche, im Salz sehr gut erhaltene Textilien sowie Werkzeug und persönliche Besitztümer – nicht nur der Verunglückten, sondern auch anderer Bergleute. Ein internationales Expertenteam arbeitete die Befunde gemeinsam mit der iranischen Antikenverwaltung auf, finanziell unterstützt von der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Projektleiter war Thomas Stöllner (Ruhr-Universität Bochum und Deutsches Bergbau-Museum Bochum). Beteiligt waren:[2]

Die Salzmumien von Zandschan sind die ersten Salzmumien, die wissenschaftlich untersucht werden können. Zwar sind aus der Vergangenheit drei Salzmumien bekannt (aus Hallstatt und Hallein), aber keine davon ist erhalten. Somit musste ein Konservierungskonzept für die Mumien von Zandschan erst erarbeitet werden. Mit Unterstützung der Gerda Henkel Stiftung werden die empfindlichen organischen Materialien im Zolfaghari-Museum von Zandschan in einer Dauerausstellung der Öffentlichkeit präsentiert; Sonderausstellungen außerhalb des Iran sind geplant.

Die beiden besterhaltenen Mumien von Zandschan

Kopf der Salzmumie 1

Salzmumie 1

Diese Mumie wurde als erste und während des laufenden Salzabbaus entdeckt; von ihr sind nur Teile erhalten. Der Tote war ein etwa 35 Jahre alter Mann, bärtig und langhaarig. Sein Kopf sowie ein Lederstiefel samt Fuß und Wade wurden ins Nationalmuseum Teheran überführt. Ein weiteres Kleidungsstück war eine helle Wollhose. Der Bergmann trug einen goldenen Ohrring und besaß eine Silbernadel sowie drei Messer aus Eisen. Salzmumie 1 wird in die sassanidische Zeit datiert (600 n. Chr.).

Salzmumie 4

Die am besten erhaltene, fast unversehrte Mumie ist ein etwa 16-jähriger Bergmann. Salzmumie 4 ist wesentlich älter als Salzmumie 1 und stammt aus der Achämenidenzeit (400 v. Chr.). Die Hände sind in einer schützenden Bewegung vor den Kopf geführt, das linke Knie ist zum Oberkörper hin angezogen. Histologische Befunde zeigen, dass der Jugendliche sich vorwiegend von Fischen und Meeresfrüchten ernährte.[4] Er stammte aus der Gegend am Kaspischen Meer, und das würde darauf deuten, dass Bergbau in der Achämenidenzeit von spezialisierten Wanderarbeitern betrieben wurde.[4] Die Kleidung ist mit der Tracht auf Reliefs in Persepolis vergleichbar: Beinlinge, gesteppte knielange Tunika mit Ärmeln. Der junge Bergmann trug Ohrringe, er besaß einen Dolch und zwei Öllampen.

Forschungserträge

Der antike Salzabbau in Chehrabad geschah in drei Phasen: in achämenidischer, sassanidischer, sowie islamischer Zeit.[2] Eine Reihe von Stolleneinbrüchen führten dazu, dass der Salzbergbau um 400 v. Chr. aufgegeben wurde. Drei Mumien wurden mit der C14-Datierung diesen Bergwerksunglücken zugeordnet.[3] Eine Schicht von Stroh und Dung auf dem in der achämenidischen Zeit eingebrochenen Gestein zeigt, dass der Bergbau im 5. Jahrhundert n. Chr. wieder aufgenommen wurde. Die angewandte Technik war der Kammerbau; man arbeitete mit metallenen Hacken und Hauen.[3] Die Verzimmerung (Ausbau mit Holz) war anscheinend nicht bekannt.

Die Bergleute, deren Körper im Salz konserviert wurden, stammten nicht nur aus der näheren Umgebung (Teheran-Qazvin-Hochebene), sondern auch aus den Steppengebieten im Nordwesten des Iran sowie von der Küste des Kaspischen Meeres.[3] Tierknochen zeigen, dass Schaf- und Ziegenfleisch für die Ernährung unter Tage eine wichtige Rolle spielte.[3] Archäobotanische Untersuchungen ergaben, dass in der Umgebung des Bergwerks eine differenzierte Landwirtschaft betrieben wurde und die Entwaldung noch nicht weit fortgeschritten war.[3] Die zahlreichen Textilfunde ermöglichten es, wechselnde Kleidungsstile und Webtechniken, die verschiedenen Fasern und Färbetechniken zu erfassen.

Der Bergbau war in achämenidischer und sassanidischer Zeit unterschiedlich organisiert. Während in der sassanidischen Zeit die Bergleute anscheinend aus der Region stammten und ihre Versorgung auch ortsnah geschah, kamen die achämenidischen Bergleute aus weiter entfernten Gegenden. Die zahlreichen keramischen Funde aus dieser Zeit deuten darauf hin, dass sie Lebensmittel über größere Entfernungen mitbrachten.[3]

Weblinks

 Commons: Salzmumien von Zandschan – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien